Anstelle des
jeweils im Herbst stattfindenden ökumenischen Gespräches der
Pfarrgemeinderäte/Presbyter der drei Mödlinger Pfarren (evang. Pfarrgemeinde,
Pfarre Herz Jesu und St. Othmar) mit den Gemeinderäten unserer Stadt
lud heuer die evangelische Gemeinde zu einer Gedenkveranstaltung zur
Reichspogromnacht in das Evangelische Lichthaus. Am 9. November
also, um 17:00 Uhr, begrüßte Pfarrerin Anne Tikkanen-Lippl die
Anwesenden im vollbesetzten Raum.
Anschließend hielt Altpfarrer Klaus Heine einen Vortrag über
Robert Blum, dem Abgeordneten des Frankfurter Bundesparlamentes, der
in den Strudel der Ereignisse der Oktoberrevolution in Wien geriet
und hier am 9. November 1848 standrechtlich erschossen wurde. Das
politische Werden dieses Mannes, seine ideologische Ausrichtung und
sein humanes Wollen wurden prägnant herausgearbeitet.
Bürgermeister Hans Stefan Hintner sprach zur Auslöschung
Österreichs vor 70 Jahren, ging auf Vorgänge in unserer Stadt
Mödling ein - auch hier wurde die Synagoge niedergebrannt - und
stellte die berechtigte und nachdenklich stimmende Frage: Wie würde
sich jeder einzelne von uns in einer derartigen Situation verhalten?
Kulturstadtrat Paul Werdenich erinnerte an das aktive
Bemühen der Gemeinde um Aufarbeitung dieses traurigen Kapitels
unserer Geschichte besonders durch zwei Aktivitäten des Jahres
2003. Einerseits wurden vertriebene jüdische Mödlinger, die die
Shoa überlebten und heute über die Welt verstreut leben, zum
Besuch ihrer Heimatstadt eingeladen - etliche sahen Mödling nach
fünfundsechzig Jahren zum Erstenmal wieder -, andererseits war es
ein von allen im Gemeinderat vertretenen politischen Parteien
einstimmig getragener Beschluss, auf dem Platz der ehemaligen
Synagoge ein Mahnmal zu errichten.
Gemeinderat Gerhard Wannemacher berichtete über die "Aktion
Stolpersteine".
In Mödling wurden bisher 22 Gedenksteine
verlegt. Die nicht einfachen Recherchen zu weiteren Personen sind im
Laufen, so dass mit weiteren Verlegungen in absehbarer Zeit
gerechnet werden kann.
Daran schloss sich von Pater Adrian,
Pfarrer Markus Lintner und Pfarrer Richard Posch vorgetragener "Ruf zum Leben und zur Humanität
unter dem Schatten der Shoa". Mutige Worte waren es, die das
Versagen der christlichen Kirchen bekannten, die jeden Einzelnen
aufforderten, so zu leben und so auch in der Öffentlichkeit
aufzutreten, dass es nie wieder zu einer Reichspogromnacht
kommt.
Musikalisch umrahmte das SMS-Quartett der Mödlinger Beethoven
Musikschule die Gedenkstunde. Die gekonnt dargebotene Musik, der
Bogen spannte sich von Mendelssohn-Bartholdy bis zu Klezmermusik,
schaffte Raum für Ruhe und Besinnung und wurde dem Thema des Abends
voll gerecht.
Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Zug zum Denkmal in der
Enzersdorfer Straße, wo sich nach stillem Gedenken die
Veranstaltung auflöste. Text: Horst Dolezal
Fotos: Höger, evangelische Gemeinde
Layout & Recherche: Gerhard Metz Links:
Aktion
Stolpersteine in Mödling
Kirche in Mödling, Ausgabe Oktober 1988 |
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Juden in Mödling
Bereits ab dem 13. Jahrhundert
siedelten in und um Mödling sehr viele Juden. Sie sind sogar
als Richter urkundlich erwähnt, durften diese Funktionen
jedoch nicht als "Vorsteher" innehaben. Die heutige
Elisabethstraße hieß Judengasse und im Haus Nr. 7
(Buchhandlung St. Gabriel) befand sich die
"Judenschule". Im 15. Jahrhundert wurde die
Entwicklung der jüdischen Gemeinde jäh durch
Judenverfolgungen und -Pogrome beendet.
Erst um 1840 siedelten wieder Juden
in Mödling. Zuerst Familien, die in umliegenden Dörfern
gewohnt hatten, dann in den späten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts auch viele reiche Industriellenfamilien, die ihre
Betriebe ebenfalls in Mödling und entlang der Südbahn
ansiedelten. In der Klostergasse 8 wurden die Gottesdienste
abgehalten und man erwarb einen jüdischen Friedhof, der heute
noch benützt wird.

1892 wurde die Mödlinger
Israelitische Kultusgemeinde gegründet, die die
Gerichtssprengel Mödling, Liesing, Schwechat, Bruck an der
Leitha und Hainburg umfasste. Im Jahr 1914 wurde die große
Mödlinger Synagoge fertiggestellt, 1916 das daneben
befindliche Verwaltungsgebäude eingeweiht. |
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Reichspogromnacht
in Mödling
In den "Mödlinger
Nachrichten" las sich die Berichterstattung über die
"Reichskristallnacht" folgendermaßen: "Der
Judentempel in Mödling niedergebrannt. ... In Mödling haben
schon vormittag empörte Volksgenossen vor dem Judentempel in
der Enzersdorferstraße demonstriert und die Inneneinrichtung
zertrümmert. Dabei kam es durch Kurzschluss zu einem Brand,
der noch vor Eintreffen der Feuerwehr gelöscht werden konnte.
Bei den Abräumungsarbeiten im Inneren entstand nachmittags
abermals ein Brand, der in den umherliegenden Material reiche
Nahrung fand und schließlich auch die Dachkonstruktion
ergriff und einäscherte. Die auf dem Brandplatz erschienene
Stadtfeuerwehr beschränkte sich darauf, die Nachbarhäuser zu
sichern. Vor dem Tempel hatte sich eine große Menschenmenge
angesammelt, die gespannt den Verlauf des Brandes
beobachtete". Laut Zeitzeugen war es der Mödlinger
Feuerwehr nicht erlaubt, die brennende Synagoge selbst zu
löschen.
Bilanz im
gesamtdeutschen Reich
91
Menschen wurden ermordet, 191 Synagogen niedergebrannt, 76
weitere Synagogen, Gemeindehäuser und Friedhöfe verwüstet,
171 Wohnhäuser zerstört, 7.500 Läden und Warenhäuser
demoliert, 800 Plünderungen wurden nachgewiesen, bis zu
35.000 Menschen wurden verhaftet.
Gipfelpunkt des Zynismus war die Tatsache, dass die Juden für
die ihnen zugefügten Schäden auch noch bezahlen mussten.
Hermann Göring erließ eine Verordnung, dass alle Schäden
von den jüdischen Inhabern bzw. jüdischen Gewerbetreibenden
sofort zu beseitigen bzw. zu bezahlen sind.
Quelle:
"Buch der Stadt Mödling, 1933" und
"Ausgelöscht" von Franz Rinner |
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